Dienstag, 20. Juli 2010

Regierungsversagen am Beispiel von Asbest

Asbest kommt in der Natur so häufig vor, dass jeder von uns täglich circa 14.000 Fasern dieses Minerals aus der normalen Umgebungsluft einatmet ('Asbestos and other natural mineral fibres', Environmental Health Criteria, 53, WHO, Genf, 1986). Trotzdem werden wir davon nicht krank, denn es hängt vom Typ, der Größe und Menge der Asbestfasern ab, ob sie in der menschlichen Lunge eine pathogene Reaktion auslösen.

Der Oberbegriff Asbest umfasst zwei sehr verschiedene Arten von Mineralien, die ganz unterschiedliche Eigenschaften und Gefährdungspotentiale haben. Wirklich gesundheitsschädlich sind die Amphibole, von denen seit längerer Zeit bekannt ist, dass sie Lungenkrankheiten wie Asbestose oder Lungenkrebs auslösen können. Zur Amphibolgruppe gehören:

  • Crocidolit (Riebeckit): Wurde zum ersten mal 1815 von M. H. Klaproth unter dem Namen Blaueisenstein beschrieben, auch als blauer Asbest bekannt. Er ist wegen seiner leichten Zerreibbarkeit zu kleinsten, starren und säureresistenten Fasern der gefährlichste Asbest. Seine Hauptverwendung war in Reibungsbelägen zusammen mit Elastomeren.

  • Grunerit: In kommerziellen Verwendungen nach seinem Hauptanbieter, den Asbestos Mines Of South Africa (AMOSA), unter dem Namen Amosit bekannt, umgangssprachlich als brauner Asbest bezeichnet. Amosit ist die zweitgefährlichste Asbestart. Wurde zur Isolierung von Energiespeichern und in Produkten für das Baugewerbe genutzt.

  • Aktinolith, Anthophyllit, Tremolit: Etwas weniger gefährlich als die obigen Asbestarten, aber durchaus noch gesundheitsschädlich. Ihre wirtschaftliche Bedeutung blieb gering.


Aus historischen Gründen wird der Gattungsbegriff Asbest auch für ein Mineral genutzt, das mit der Amphibolgruppe nur sehr wenig gemeinsam hat. Es handelt sich um Chrysotil, auch weißer Asbest oder Serpentinasbest genannt. Er hat mit den Asbestarten der Amphibolgruppe einige physikalische Eigenschaften gemeinsam, unterscheidet sich aber in vielerlei Hinsicht von ihnen. Die Chrysotilfasern sind weich, seidenartig, gekrümmt und durch Säure leicht zu zerstören. Sogar in der nur schwach sauren menschlichen Lunge werden diese Fasern schnell aufgelöst, sodass sie dort nur eine Halbwertzeit von wenigen Tagen haben. Eine Gesundheitsgefährdung durch sie ist möglich, wenn man in der Asbestindustrie über längere Zeit sehr großen Mengen von langen Chrysotilfasern ausgesetzt ist, aber für den Endverbraucher sind kurze Fasern des weißen Asbestes nicht gefährlich.

Chrysotil wurde für hitzebeständige Materialien, wie Schutzkleidungen, Elektroisolierungen, Dichtungen und Seile verwendet. Seine häufigste Anwendung bestand darin, als Bindemittel in Zement und Mörtel zu dienen. Wenn Chrysotil mit kalkreichem Zement gemischt wird, findet auf der Oberfläche der Fasern eine chemische Veränderung statt, die bewirkt, dass sich die Zementmasse eng an die Fasern bindet. In derartigen Werkstoffen sind die Fasern des weißen Asbestes so stark gebunden, dass sie in einatembarer Form auch dann kaum freigesetzt werden können, wenn entsprechende Bauteile gesägt oder angebohrt werden.

Circa 90% aller jemals hergestellten Asbestprodukte sind Chrysotil-Baumaterialien, die kein messbares Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen. Trotzdem kam es zu einer Asbestpsychose, in der alle Asbestarten verteufelt wurden. So ist gemäß EU-Verordnung Nr. 1907/2006 (REACH-Verordnung) auch das Inverkehrbringen und die Verwendung von Chrysotil verboten. Wie es dazu kommen konnte ist ein Lehrstück für die Art, wie in der westlichen Welt mit der Schürung menschlicher Ängste Politik gemacht wird.

Die Gesundheitsgefährdung durch Amphibolasbest wurde zuerst in England erkannt, wo eine große Asbestindustrie bestand. Erste Hinweise auf asbestbedingte Lungenerkrankungen durch eine Fabrikinspektorin (Lucy Deane: 'Report on the health of workers in asbestos and other dusty trades', Annual Report for 1898, HM Chief Inspector of Factories and Workshops) und einen Arzt des Charing Cross Hospitals (Montague Murray: Minutes of Evidence, HM Departmental Committee on Compensation for Industrial Diseases, 1907, p. 127) wurden noch weitgehend ignoriert aber immerhin begann man in den Asbestunternehmen Maßnahmen zu ergreifen, um die Staubbelastung zu reduzieren.

In den 1920er Jahren erregte der Tod der Asbestarbeiterin Nellie Kershaw Aufsehen. Der Leichenbeschauer ordnete eine mikroskopische Untersuchung ihrer Lungen an, die von dem Pathologen William Crookes durchgeführt wurde (W.E.Crookes: 'Fibrosis of the lungs due to the inhalation of asbestos dust', British Medical Journal, 1924, 147). Crookes stellte fest, dass die Lungen des Opfers durch Asbestfasern stark versteift und vernarbt waren. Er gab diesem Krankheitsbild den Namen Lungen-Asbestose und war damit der erste, der einen wissenschaftlichen Nachweis über die Gefährlichkeit der Amphibole erbrachte.

Die Veröffentlichung der Arbeit von Crookes veranlasste die Fabrikinspektoren E.R.A. Merewether und C.W. Price ihrerseits eine Untersuchung durchzuführen. Sie fanden heraus, dass ein Viertel aller von ihnen untersuchten Asbestarbeiter an Asbestose litt. Niemand, der weniger als vier Jahre in der Asbestindustrie beschäftigt war, zeigte Anzeichen dieser Krankheit, aber unter den Arbeitern, die 25 Jahre oder mehr beruflich mit Asbest zu tun hatten, waren zwei Drittel lungenkrank. Diese Untersuchung führte dazu, dass im Jahre 1931 Großbritannien als erster Staat der Welt Sicherheitsbestimmungen für die asbestverarbeitenden Betriebe anordnete.

Das größte englische Unternehmen dieser Art war Turner & Newall in Rochdale. Im Jahre 1953 war die Unternehmensleitung überzeugt, dass sie das "Staubproblem" gelöst hatte und sie entschied sich, eine Studie über den Gesundheitszustand ihrer Fabrikarbeiter in Auftrag zu geben. Man wählte dafür den Epidemiologen Richard Doll aus, der allgemein bekannt geworden war, weil er in einer früheren Arbeit nachweisen konnte, dass es einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs gibt.

Doll untersuchte 113 Beschäftigte von Turner & Newall, die 20 Jahre oder mehr mit Asbest gearbeitet hatten. 11 von ihnen litten nicht nur an Asbestose, sondern hatten auch Lungenkrebs. Diese Krebsrate war elfmal höher als diejenige der Gesamtbevölkerung. Die Unternehmensleitung, welche die Studie bezahlte, zeigte sich über dieses Ergebnis nicht erfreut und wollte deshalb die Forschungsresultate nicht veröffentlichen. Das konnte aber Doll nicht daran hindern, seine Untersuchung in einem unabhängigen Medium zu publizieren (Richard Doll: 'Mortality from lung cancer in asbestos workers', British Journal of Independent Medicine, 12 (1955), 81-86).

Im Jahre 1960 lieferte der südafrikanische Pathologe Christopher Wagner den Beweis für die Schädlichkeit eines weiteren Amphibolasbests. Wagner war aufgefallen, dass im Einzugsbereich der Bergwerke, die blauen Asbest abbauten, die sonst seltene Krebsart Mesothelioma gehäuft vorkam. Im Unterschied zum Lungenkrebs, der das Innere des Organs befällt, bilden sich bei dieser Krankheit Tumore an der Außenseite der Lungen und in der Bauchhöhle. Bei der Untersuchung von 47 Fällen von Mesothelioma stellte Wagner fest, dass 45 der Betroffenen über längere Zeit in den Bergwerken der Cape Province dem Amphibolasbest Crocidolit ausgesetzt gewesen waren (J.C. Wagner, et al.: 'Diffuse pleural mesothelioma and asbestos exposure in the North Western Cape Province', British Journal of Industrial Medicine, Vol. 17 (1960), 260-271).

Damit waren die drei Krankheiten (Asbestose, Lungenkrebs, Mesothelioma), die durch Asbest hervorgerufen werden, in der Wissenschaft eindeutig identifiziert.

Die obigen Pionierarbeiten lösten eine Welle von weiteren Studien über die Wirkung von Asbest aus. Dabei kann man, genau so wie in der heutigen Klimaforschung, zwischen Alarmisten und Realisten unterscheiden. Zu den ersteren gehören zum Beispiel Muriel Newhouse, die die Akten eines Krankenhauses im östlichen London auswertete, wo Arbeiter behandelt worden waren, die mit blauem Asbest zu tun hatten (M. Newhouse und H. Thompson: 'Mesothelioma of pleura and peritoneum following exposure to asbestos in the London area', British Journal of Industrial Medicine, 1965) und Irving Selikoff vom Mount Sinai Medical Center in New York, der sich mit den Auswirkungen des braunen Asbests befasste und dabei zu sehr pessimistischen Annahmen über die Spätfolgen einer Asbestbelastung kam (I.J. Selikoff, et al.: 'The occurrence of asbestosis among insulation workers in the United States', Annals of the New York Academy of Science, 132, 1965, 139-155).

Als Realist in der Asbestwirkungsforschung erwies sich John McDonald von der McGill Universität in Kanada, der sich mit den Arbeitern in der kanadischen Chrysotilindustrie befasste. Im Jahre 1971 veröffentlichte er ein erstes Zwischenergebnis seiner Studien (J.C. McDonald, et al.: 'Mortality in the chrysotile asbestos mines and mills of Quebec', Archives of Environmental Health, 22, 1971, 677-686). McDonald erfasste die gesundheitliche Entwicklung von 9.981 Männern, die in der Zeit von 1891 bis 1920 in ihren Unternehmen mit weißen Asbest zu tun hatten. Bis zum November 1966 waren 2.413 aus dieser Gruppe gestorben, aber nur 97 davon an Lungenkrebs (4%) und 3 (0,1%) an Mesothelioma.

Die Alarmisten waren über dieses Ergebnis empört und man warf McDonald vor, von der Asbestindustrie bestochen zu sein, da ein Teil seiner Forschung von der Qeubec Asbestos Mining Association finanziert worden war. Zu dieser Art von Verleumdung greifen Linke gerne, wenn ihnen sachliche Argumente fehlen. In diesem Forschungszweig hatte gerade Richard Doll mit seiner von Turner & Newall bezahlten Studie bewiesen, dass der Geldgeber keineswegs zwangsläufig die Forschungsergebnisse bestimmt. Doll war auch nie der Vorwurf der Käuflichkeit gemacht worden. Diese Keule wird nur hervorgeholt, wenn die Position eines Wissenschaftlers politisch unerwünscht ist.

In den Arbeiten der Alarmisten wurden zunehmend Fehler entdeckt. So wies zum Beispiel Professor F.M.K. Liddell vom Department of Epidemiology and Biostatistics der McGill Universität nach, dass Selikoff eine viel zu geringe Asbestfasermenge in der Atemluft von Isolierungsarbeitern angenommen hatte. Selikoff hatte behauptet, dass das Durchschnittsniveau bei 4 bis 12 Fasern je Milliliter liege. Tatsächlich gehören aber Isolierungsarbeiten zu den staubigsten Tätigkeiten und die wirkliche Belastung liegt bei mindestens 50 Fasern je Milliliter Luft (F.M.K. Liddell: 'Magic, menace, myth and malice', Annuals of Occupational Hygiene, 41, 1997).

Die Auseinandersetzungen in der Wissenschaft führten bald dazu, dass die Medien sich des Themas annahmen. Fast alle Journalisten schlugen sich auf die Seite der Alarmisten und schufen so die Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Angstkampagne mit Massenwirkung. Damit waren die Bedingungen gegeben, um die Angelegenheit für Politiker interessant zu machen.

Im September 1978 erschien eine Stellungnahme von zwei führenden Gesundheitsbehörden der USA, dem National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) und dem National Cancer Institute (NCI) ('Estimates of the Fraction of Cancer Incidence in the United States Attributable to Occupational Factors'), die offenbar Teil einer sorgfältig geplanten politischen Initiative war, denn am Tage ihrer Veröffentlichung wiederholte der damalige US Secretary of Health, Education and Welfare, Joseph Califano, vor einer Gewerkschaftsversammlung die Behauptungen der beiden staatlichen Institute. Denen zufolge könnten in den kommenden Jahrzehnten 38% aller Krebserkrankungen auf krebserregende Stoffe zurückzuführen sein, mit denen die Opfer während ihres Berufslebens in Berührung kamen. Diese Schätzung lag weit jenseits aller bisher angenommenen Werte. Die britische Royal Society ging zum Beispiel davon aus, dass 1% der Krebsfälle berufsbedingt seien. Noch extremer war die Prognose der US-Behörden in Bezug auf Asbest, der für "über 2 Millionen vorzeitige Krebssterbefälle in den nächsten drei Jahrzehnten" verantwortlich gemacht wurde. Das seien 17% aller Krebstoten in den USA zwischen 1978 und 2008, was im Durchschnitt 66.000 Asbesttote pro Jahr bedeuten würde.

Obwohl dieses Papier von der US-Regierung groß herausgestellt wurde und weltweit Schlagzeilen machte, war es ein sehr seltsames Schriftstück. Es war nicht klar, welche Personen es geschrieben hatten. Offensichtlich wollte kein Wissenschaftler seinen Namen damit in Verbindung bringen. Es war auch nicht durch den Überprüfungsprozess gegangen, der für wissenschaftliche Arbeiten üblich ist. Vor allem enthielt es keine neuen Beweise für seine verblüffenden Behauptungen.

Von den allermeisten Wissenschaftlern wurde diese Panikmache der US-Regierung abgelehnt. Sogar viele der bisherigen Alarmisten gingen auf Distanz zu diesem politischen Vorstoß. E.C. Hammond, eine Kollege von Selikoff am Mount Sinai Medical Center, zeigte sich "slightly puzzled". Andere bezeichneten das Regierungspapier als "manifestly silly", "stupid" und einen Skandal. Richard Doll nannte es "scientific nonsense" und Califanos Rede "absurd".

Im Jahre 1981 veröffentlichten Doll und Richard Peto von der Universität Oxford eine detaillierte Kritik des Papiers der US-Regierung (R. Doll and R. Peto: 'Avoidable risks of cancer in the United States', Journal of the National Cancer Institute, 66, 1981). Sie stellten fest, die Einschätzungen und Prognosen der US-Behörden "were so grossly in error that no arguments based even loosly on them should be taken seriously". Der Hauptfehler des Regierungspapiers war, die Risiken einer kleinen Beschäftigtengruppe auf alle Arbeitnehmer übertragen zu haben. Doll und Peto stellten fest: "This disregard of both dose and duration of exposure is indefensible". Das US-Papier "should not be treated as a serious contribution to scientific thougt", vielmehr sei es "for political rather than scientific purposes" geschrieben worden und es sei zu befürchten, dass es in diesem Sinne auch in Zukunft genutzt werden würde, nicht zuletzt von den Medien.

Doll und Peto sollten mit ihrer Vermutung Recht behalten. Das diskreditierte Papier der US-Regierung wurde in den kommenden Jahren von zahllosen Journalisten zustimmend zitiert und es war ein Bezugspunkt für die erstarkende Antiasbestlobby, die unter dem Motto "Schon eine Faser kann töten" das Verbot aller Asbestarten anstrebte.

Während die politische Asbesthysterie ständig zunahm, setzte in der Wissenschaft ein Differenzierungsprozess ein. Richard Doll war in seiner bahnbrechenden Arbeit aus dem Jahre 1955 noch davon ausgegangen, dass die von ihm untersuchten Arbeiter von Turner & Newall ausschließlich mit Chrysotilfasern zu tun gehabt hatten. Als in den späten 1970er Jahren Julian Peto, der jüngere Bruder von Richard Peto, eine weitere Studie an den Beschäftigten dieser Fabrik vornahm, fand er unter ihnen mehrere Fälle von Mesothelioma (Julian Peto: 'The incidence of pleural mesotheliomas in chrysotile asbestos workers', in J.C.Wagner (ed.): Biological effects of mineral fibres, International Agency for Research into Cancer, Scientific Publications No. 30, 1980).

Dieser Befund erregte viel Aufsehen, denn bis dahin stand der weiße Asbest nicht im Verdacht, diese Krankheit zu verursachen. Christopher Wagner, der als erster Mesothelioma mit blauem Asbest in Verbindung gebracht hatte, beschloss der Sache auf den Grund zu gehen. Er war in der Lage vollen Nutzen aus der Weiterentwicklung der Elektronenmikroskopie zu ziehen, die Doll 30 Jahre vorher noch nicht zur Verfügung gestanden hatte. Bei der Untersuchung des Lungengewebes von 103 Männern und Frauen, die bei Turner & Newall gearbeitet hatten, stellte er zu seinem Erstaunen erhebliche Mengen an Crocidolitfasern fest, die 300mal höher als der britische Durchschnitt waren. Es stellte sich heraus, dass Turner & Newall zwischen 1931 und 1970 jährlich 60 Tonnen Crocidolit, den blauen Asbest, verarbeitet hatten. Damit war die Annahme von Doll widerlegt, dass die von ihm 1955 festgestellten Fälle von Lungenkrebs ausschließlich auf Chrysotil zurückzuführen seien (J.C. Wagner, et al.: 'Mesotheliomas and asbestos type in asbestos textile workers', BMJ, 285, 1982).

Die Untersuchung von Wagner veranlasste Julian Peto, nun seinerseits eine gründliche Studie durchzuführen. Mit Unterstützung von Richard Doll untersuchte er 3.639 Arbeiter von Turner & Newall und kam zu dem Ergebnis, dass das Risiko einer Chrysotilbelastung weitaus geringer ist, als er ursprünglich angenommen hatte (Julian Peto und Richard Doll, et al.: 'Relationship of mortality to measures of environmental asbestos pollution in an asbestos textile factory', Annals of Occupational Hygiene, 29, 1985, 305-355).

Ein weiterer Mangel in der Pionierarbeit von Doll aus dem Jahre 1955 bestand darin, dass er den Einfluss des Rauchens auf die Entstehung von Lungenkrebs völlig außer Acht gelassen hatte. Es ist sogar anzunehmen, dass Asbest und Tabak sich gegenseitig in ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung verstärken. Hammond hatte 1979 unter Mitwirkung von Selikoff angenommen, dass Asbest allein das Krebsrisiko verfünffacht, dass das Rauchen dieses Risiko verzehnfacht, die Kombination der beiden Faktoren aber die Krebsgefahr verfünfzigfacht (E.C. Hammond, et al.: 'Asbestos exposure, cigarette smoking and death rates', Annals of the New York Academy of Sciences, 473-490). Unter diesen Umständen ist es seltsam, dass Richard Doll in seiner Studie nicht zwischen Rauchern und Nichtrauchern unterschieden hatte.

Peto und Doll verfassten für die britische Health and Safety Commission einen umfassenden Überblick über 'Effects on health of exposure to asbestos' (HMSO, 1985), der auch heute noch gültig ist. In der Hierarchie der Risiken kommen ganz oben die verschiedenen Arten von Amphibolasbest, angeführt vom blauen und dann dem braunen Asbest. Ganz unten befindet sich das Risiko, das die große Mehrheit der Normalbürger durch Asbestprodukte in ihrem täglichen Leben erfährt. Falls ein Fünftel der Bevölkerung in ihren Gebäuden 20 Jahre lang Asbest in Baustoffen ausgesetzt wäre, würde dies kaum mehr als "one death a year" im gesamten Land verursachen. Insgesamt ist das Risiko für die Endverbraucher so nahe bei Null, dass es "negligible" sei.

Trotz dieser eindeutigen wissenschaftlichen Beweislage verfügte die Environmental Protection Agency (EPA) der USA im Juli 1989 ein vollständiges Verbot von Asbest. Tatsächlich betraf dieser Bann fast ausschließlich weißen Asbest, denn der Import von blauem und braunem Asbest war schon lange vorher eingestellt worden. Der wirtschaftliche Schaden dieser Entscheidung beträgt mehrere hundert Milliarden Dollar, während ihr Nutzen für die menschliche Gesundheit nicht nachweisbar ist, denn die Nutzung der gefährlichen Asbestarten war von der Wirtschaft bereits lange vorher aus eigener Entscheidung eingestellt worden und für den beruflichen Umgang mit Chrysotilasbest galten schon seit längerer Zeit strenge Sicherheitsbestimmungen.

Weiterführende Literatur:
Christopher Booker and Richard North: Scared to Death, From BSE to Global Warming - How Scares Are Costing Us the Earth, Continuum Books, London & New York, 2007; Chapter Thirteen: 'One Fibre Can Kill': The Great Asbestos Scam, pp. 331-409.

Kommentare:

Simon Schneebeli hat gesagt…

Vielen Dank für diesen gut recherchierten Text. Da ich selber im Bereich der Asbest-Beratung arbeite möchte ich folgende Bemerkungen anfügen:

"Asbest kommt in der Natur so häufig vor, dass jeder von uns täglich circa 14.000 Fasern dieses Minerals aus der normalen Umgebungsluft einatmet ('Asbestos and other natural mineral fibres', Environmental Health Criteria, 53, WHO, Genf, 1986)"

Bis in die 80er Jahre, wurde Asbest in Brems- und Kupplungsbelägen von Autos verwendet. Der Abrieb führte dazu, dass in Städten in der Tat ständig eine Hintergrundbelastung bestand. Heute wird aber davon ausgegangen, dass diese Belastung nicht mehr besteht. Zahlreiche Messungen, die im Rahmen von Sanierungsarbeiten immer wieder durchgeführt werden, bestätigen diese These. Ob es wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema gibt, weiss ich aber nicht.

"Endverbraucher kaum gefährdet."

Dass der Endverbraucher durch die Anwendung von Asbest kaum gefährdet ist, ist praktisch unumstritten (wenn auch in der Bevölkerung oft unbekannt). Eine französische Studie kommt zum Schluss, dass die Anzahl anerkannten Fälle von asbestbedingten Krankheitsfällen, die nachweislich auf eine "passive Exponierung" zurückzuführen sind, zu gering ist, um eine statistische Relevanz nachzuweisen. In der Schweiz kenne ich bislang nur den Fall des "Cycle d'Orientation du Foron" in Genf, in welchem Endverbraucher (in diesem Fall Nichtraucher) nach einer passiven Exponierung an Lungenkrankheiten erkrankten. Auch in diesem Fall ging es um Asbest der Amphibolgruppe.

Das Asbest-Verbot wurde hingegen nicht auf Grund eines Gesundheitsrisikos für den Endverbraucher eingeführt, sondern zum Schutz der Arbeitnehmer. Gemäss Statistiken der SUVA, gibt es jährlich in der Schweiz alleine über 100 Krankheitsfälle. Ob Statistiken zur Frage Amphibolasbest/Chrysotil bestehen, weiss ich aber nicht. Vor diesem Hintergrund scheint das Verbot von Asbest nicht unbegründet zu sein (wobei Unterschiedliche Grenzwerte zwischen Amphibolasbesten und Chrysotil vielleicht keine schlechte Idee wären.


Wenn Chrysotil mit kalkreichem Zement gemischt wird, findet auf der Oberfläche der Fasern eine chemische Veränderung statt, die bewirkt, dass sich die Zementmasse eng an die Fasern bindet. In derartigen Werkstoffen sind die Fasern des weißen Asbestes so stark gebunden, dass sie in einatembarer Form auch dann kaum freigesetzt werden können, wenn entsprechende Bauteile gesägt oder angebohrt werden.

Das ist eine interessante Sache. Können Sie zu diesem Thema Quellen angeben? 

Pessimisten und Realisten

Ich würde hier noch die Optimisten hinzufügen. Ich meine damit, dass es auf beiden Seiten "Extremisten" gibt und die Wahrheit wahrscheinlich irgend wo dazwischen liegt.

Das Problem liegt in der Tatsache, dass die Frage in politischen Kreisen eine Eigendynamik entwickelt: Wenn sich jemand für schärfere Gesetzgebungen einsetzt, dann kann sich kein Politiker erlauben, sich dagegen zu wehren, denn er würde sich dem Vorwurf aussetzen, sich nicht um die Gesundheit der Arbeitnehmenden zu kümmern.

Dass der Enverbraucher kaum gefährdet ist, da sind sich die meisten Fachleute wohl einig. Dass der Arbeitnehmer geschützt werden muss, da besteht ebenfalls Einigkeit. Will man sich der sachlichen Diskussion stellen, kommt man nicht umhin, sich die Frage zu stellen, wie weit dieser Schutz gehen soll, das heisst, man muss festlegen, wie viel denn dieser Gesundheitsschutz kosten darf, oder - um dies mit andern Worten zu sagen - wie viel es kosten darf, ein Menschenleben zu retten? Keine einfache Frage.

Anonym hat gesagt…

Der Satz "Zu dieser Art von Verleumdung greifen Linke gerne, wenn ihnen sachliche Argumente fehlen." macht den ganzen Artikel unglaubwürdig.

Es gibt übrigens genügend Studien, daß auch Menschen die nicht in der Asbestindustrie arbeiten, aber in der Nähe der Fabriken leben oder im selben Haushalt wie Asbestarbeiter, signifikant erhöhte asbestverursachte Krankheiten haben, insofern ist der Satz "Endverbraucher kaum gefährdet." ebenfalls nicht zu halten.

Anonym hat gesagt…

So einen Schwachsinn zu veröffentlichen gehört unter Strafe gestellt. Aber leider ist das ein tägliches Problem..

Ihren vermeintlichen Sachverstand kommentiere ich hier nicht, Sie VOLLprofi

Anonym hat gesagt…

"Schon eine Faser kann töten" - ich beschäftige mich mit dem Thema Asbest seit gestern intensive und auch ich bin zu dieser Schlusfolgerung gelangt.

"Zu dieser Art von Verleumdung greifen Linke gerne, wenn ihnen sachliche Argumente fehlen." - oder Rechte wenn es um Klimaänderung geht. Es ist klar dass von Firmen bezahlte Studien die Interessen der Firma dienen sollen.

Vorsicht ist besser als Nachsicht, Asbest sollte viel früher verboten werden.